Georg Pruscha - Das Publikum

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Das Lesepublikum wurde über lange Zeit hinweg entmündigt. Die Qualtität eines Textes wird über das Buch wahrgenommen. Der Name eines Verlages steht in den meisten Fällen in der Wertigkeit über dem des Autors. Die Auswahlmöglichkeit geht nicht über die Vielzahl der Autoren, sondern über die Vielzahl der Verlage, deren mutigste einmal im Jahr einen neuen Autor aufnehmen und dabei nicht die Leser, sondern zuallermeist eine wirtschaftliche Masse sehen.

Die Möglichkeiten der Menschen haben sich entwickelt, und es ist nicht mehr notwendig, einen Text in einer Riesenzahl an Vervielfältigungen zu bewahren, die überdies ebenso anfällig sind für Feuer, Wegwerfen, Vergessen.

Gibt man einem durchschnittlich Belesenen die kopierte oder sogar handgeschriebene Version eines Texts, der Menschen über verschiedene Zeiten und Moden hinweg erhoben hat, und zugleich eine gebundene Neuausgabe aus einer sogenannten aktuellen Bestenliste, wie etwa der sogenannten Shortlist für den Deutschen Buchpreis zur Wahl, so wird er zuerst und länger zum Buch greifen, der andere Text bleibt womöglich ungelesen. Es ist dem Leser kaum noch möglich, Qualität über das Buch hinaus wahrzunehmen.

Sie müssen bedenken, daß Sie mit Ihrem Wunsch und Bedürfnis nach dem Buch einem gesteuerten Bedürfnis aufliegen – diesfalls sogar unterliegen. Und das für die Tätigkeit des Lesens, die als geistige Reife oder sogar Überlegenheit gilt. Sie glauben, in einer Zeit der weitgehenden Geistes- und Persönlichkeitsfreiheit zu leben und machen sich gerade in diesen Bereichen mit der Wahl eines weiterstrebenden Geistesinhalts von einer bestimmten, speziellen gesteuerten Form der Erfassung dieses Inhalts, der Wahl des Buches, vollkommen abhängig, verteidigen sie sogar, und das vehement. Sie machen sich von der Handhabung abhängig, von der Form, der Größe, einem Klappentext, einem Umschlag, einem Bild (!), der Buchstärke, der Materialqualität, einem Verlagsnamen und vor allem dem Preis. Bücher sind teuer, und von diesem von Ihnen ausgegebenen Geld erhält der Autor Ihres geschätzten Buches so gut wie nichts.
Sie sind bereit, an die falschen Leute einen überzogenen (weil falsch kanalisierten) Preis zu zahlen.

Sind Sie tatsächlich schon so rettungslos beeinflußt, soldatisiert, militarisiert, daß Sie für ein auferlegtes Einheitssystem auf die Barrikaden steigen? Und das gerade in einer Zeit, in der es die Freiheit der Bewegung gibt, in der es bewegliche Medien wie etwa das Internet gibt?

Ein Nachsatz: Läßt man die Verachtung des Individuums und seiner Freiheit beiseite, haben totalitäre Regime wie etwa die Regierungen des Kommunismus im Ostblock des 20. Jahrhunderts immerhin den richtigen Ansatz zur Verbreitung eines Gedanken, einer Philosophie, einer Ideologie, wie es das Ziel einer an der Menschheit orientierten Literatur ist: Die Förderung und Verbreitung als vorderste Ausrichtung, darauf erst später folgend das Publikumsinteresse und das Kalkül des Anbiederns an ein Publikum sehr weit hintangereiht.